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Vielleicht

Alle Jahre wieder verkünden die Weihnachtslieder dasselbe.

Weihnachten ist die schönste Zeit des Jahres, Weihnachten ist das Fest der Liebe. Weihnachten ist etwas Magisches. Wir erzählen den Kindern, es gibt einen magischen Weihnachtsmann, der all ihre Wünsche erfüllt. Wir kreieren eine Illusion, aber wir können sie selbst nicht mehr glauben. Ich kann das zumindest nicht mehr. Nicht mit Mitte 40. Und vielleicht konnte ich es vorher auch schon nicht. Aber dieses Jahr ist es besonders schlimm.

Alle Jahre wieder kommt Weihnachten plötzlich. Als hätte jemand bei voller Fahrt im Zug die Notbremse gezogen. Eben noch, habe ich fünf Tage die Woche von früh bis spät gearbeitet und bis zum dreiundzwanzigsten hektisch die letzten Geschenke zusammengekauft. Und dann ist der Tag plötzlich da.

Wir fahren an Heiligabend anderthalb Stunden zu meinem Bruder und meiner organisierten Schwägerin. Die Geschenke für die Kinder fliegen auf dem Rücksitz umher. Christine und ich schenken uns auch dieses Jahr nichts. Dieses Jahr, wo wir nicht mit dem Wohnmobil über die Feiertage verschwinden, sondern die Feiertage wieder zwischen unseren Familien aufteilen. Ich sage mir ist alles recht, solange ich ausschlafen kann, aber in Wahrheit weiß ich schon lange nicht mehr, was ich eigentlich will. Oder ich glaube nicht mehr daran es zu bekommen. Und dann ist es einfach leichter sich treiben zu lassen.

Der Weihnachtsbaum meiner Schwägerin ist wie jedes Jahr pompös. Mein kleiner Bruder wirkt älter. Die Kinder führen Musikkonzerte auf, meine Cousine wird dazugeschaltet. Sie ist mit Tochter und Mann ihren Sohn in den USA besuchen gefahren. Der Wein schmeckt gut, der Abend geht länger als vermutet. Wir schlafen im Gästezimmer. Christine sagt, Heiligabend geht immer so schnell rum. Es ist jedes Jahr das Gleiche. Und sie hat recht. Ein Jahr vergeht wie ein Wimpernschlag. Wir werden immer älter. Ich habe das unbestimmte Gefühl, das mir die Zeit davonläuft. Ein Gefühl, das Erinnerungen wecken will, doch der Schlaf kommt schneller und bewahrt mich davor.

Am nächsten Morgen gibt es ein Frühstück, dann fahren wir anderthalb Stunden zurück. Das Mittagessen mit Christines gesammelter Familie im Lokal um die Ecke steht an. Es ist die Hölle. Ich ziehe mich nach dem Kaffee zurück in unsere Wohnung. Einfach auf die Couch, vor einen Weihnachtsfilm. Hauptsache, ich bin weg von ihrem Bruder und den Kindern. Als Christine hochkommt, ist sie sauer. Warum muss ich immer so sein. Meine Familie ist auch nicht besser. Wir haben diese Diskussion tausendmal geführt, aber wir führen sie auch an Weihnachten nochmal, bis wir keine Lust mehr haben miteinander zu sprechen. Ich gehe früh ins Bett und fühle mich schlecht.

Das Gefühl hält auch am zweiten Feiertag an. Es ist, als würde ich verkatert aufwachen. Und so wird der Tag so, wie er sein sollte. Ruhig und faul, nur gelegentlich ein paar Weihnachtsanrufe. Der Fernseher läuft, die Handys auch. Wir reden nicht viel. Wir essen die Reste. Und es ist das Wort, an dem ich in den folgenden Tagen zu kauen habe.

An den Tagen zwischen den Jahren, an denen plötzlich diese Stille herrscht. Außer dem gelegentlichen Einkaufen gibt es nichts zu tun. Draußen ist es eisig kalt, ohne das es schneit. Ganz plötzlich gibt es keine Ablenkung und keine Flucht mehr. Kein Fußball im Fernsehen, keine Arbeit. Wir treffen keine Freunde. Die meisten sind Skifahren. Ich kann nicht Ski fahren. Niemand weiß, wie viele Weihnachtsfeste wir noch erleben dürfen. Aber werden meine Weihnachtsfeste nun für den Rest meines Lebens so aussehen? Es fühlte sich nicht richtig an. Das gute Essen und die Gemütlichkeit der Tage zwischen den Jahren haben mich träge gemacht. Und nun sind all die Dinge an die Oberfläche gekommen, die ich im übrigen Jahr so gut verdrängen kann.

Ich sehe die grauer werdenden Haare am Abend, als ich baden will. Die Falten auf der Stirn, den Stress im Gesicht. Ich bade immer nur zwischen den Jahren. Und ich tue dabei das, was ich nicht tun sollte. Ich habe eine dieser Zeitschriften gekauft, die berichten, wie die Promis Weihnachten verbringen. Und ich suche nach Infos über dich, nach Bildern von dir. Aber du hältst dich von der Presse fern. Du bist klug. Und ich nehme an, es ist deine Art der Rache.

Du hast eine Buchreihe geschrieben. Wie du es immer gesagt hast. Wovon du immer geträumt hast. Und wir zwei sind die Hauptfiguren der Reihe. Ich weiß es. Du hast es mir gestanden. In deinen Büchern sind wir das Liebespaar, das wir immer sein wollten. Und dass wir nicht sind, weil ich zu feige war. Reue, Bedauern, Schmerz, alles kommt auf einmal. Ich tauche im heißen Wasser unter, damit die Tränen verschwinden.

Ich darf dich nicht vermissen. Ich will dich nicht vermissen.

Du warst schon immer zu gut für mich. Aber jetzt bist du fast überlebensgroß. Stark, schön, erfolgreich, intelligent. Ich frage mich nicht, wie du wohl Weihnachten verbringst. Aber ich erinnere mich an die letzte Nachricht von dir, es ist fast genau ein Jahr her. Du sagtest, du würdest dich jederzeit mit mir zwischen den Jahren langweilen.

Wir wissen beide, dass wir uns nicht langweilen würden.

Beim Gedanken daran, die Feiertage an deiner Seite zu verbringen, spüre ich etwas von diesem Zauber, von dieser Magie, die alle an Weihnachten besingen. Es ist eindeutig was mir fehlt. In diesen Raunächten. Deine Liebe.

Es ist deine Liebe, die mich damals wieder glauben ließ und die das auch heute noch kann. Ich lese deine Bücher heimlich und wünsche mir ich könnte einfach in das Buch hineinschlüpfen. Oder dir zumindest, auf dieselbe elegante, künstlerische Art antworten. Als ich aus der Wanne steige, beschließe ich das zu tun, was ich bisher in diesem Jahr noch gar nicht getan habe. Ich setze mich ans Klavier und spiele ein bisschen. Es tut mir gut. Ich denke mir, dass ich das öfter tun sollte. Aber ich werde auch im kommenden Jahr wieder keine Zeit dafür finden. Und nicht darum kämpfen. Schließlich bin ich nicht diese Art Mensch. Ich bin nicht wie du.

Der letzte Tag des Jahres beginnt. Grau, kalt und still. Und doch fühlt sich etwas anders an. Wir sind abends bei Freunden eingeladen. Freunden, die beschlossen haben, Bleigießen wäre eine lustige Idee. Ich fische einen Klumpen aus dem Wasser, der laut Internet für Wiedergutmachung steht. Für Versöhnung. Und plötzlich, nur für einen Moment, fühle ich mich dir nah. So nah, wie schon seit Jahren nicht mehr.

Das Feuerwerk beginnt und kündigt mit buntem Getöse ein neues Jahr an. Ein neues Jahr, das im Großen und Ganzen so sein wird, wie das gerade vergangene. Vollgepackt mit Arbeit und zu wenig Zeit zum Nachdenken. Wenn ich Glück habe. Dennoch, ein Funken Hoffnung regt sich in mir, während ich in den Himmel starre. Vielleicht wird es im kommenden Jahr anders. Was auch immer es ist. Vielleicht habe ich noch eine Chance auf deine Liebe. In den kommenden dreihundertfünfundsechzig Tagen ist vielleicht der eine dabei.

 

Vielleicht.

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