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Skorpion und Krebs

 

Es war einmal ein Skorpion, der war unsterblich in einen Krebs verliebt. Einen ängstlichen, scheuen Krebs, dessen Panzer schon einige Schrammen abbekommen hat. An manchen Stellen wächst die Schale nicht mehr nach und macht den Krebs so verwundbar, dass er sich vorsichtig zwischen den Felsen am Strand zu seiner Höhle bewegt. Überhaupt meidet der Krebs jeden und alles, der ihn wieder so verletzen könnte, wie andere zuvor.

 

Er sitzt lieber mit seinen Artgenossen zwischen den Felsen in der Höhle, flitzt über den heißen Strand oder schwimmt im Meer. Den tropischen Wald betritt er nie. Und von dort kommt der Skorpion. Auf einem seiner Streifzüge hat er den Krebs entdeckt, obwohl beide sich so gerne tarnen. Sie haben sich angeschaut und am nächsten Tag, ist das wieder passiert, als der Krebs zwischen zwei heruntergefallenen Ästen festhing. Der Skorpion hat ihn befreit und am nächsten und übernächsten Tag haben sie sich wieder gesehen, nur musste diesmal der Krebs den Skorpion vor einer Welle schützen. Am nächsten Tag ist der Skorpion einfach zum Krebs marschiert und die beiden sind gemeinsam am Strand gekrabbelt. Es hat nicht viele Worte gebraucht, bis die beiden gemerkt haben, was zwischen ihnen vorgeht. Der Krebs mag die Stärke, Intelligenz und den Humor des Skorpions und der Skorpion liebt die aufopferungsvolle, fleißige und pflichtbewusste Art des Krebses. Der Krebs will den Skorpion vor den Dingen beschützen, die ihm widerfahren sind und schenkt ihm Geborgenheit. Der Krebs will, dass es dem Skorpion immer gut geht und für den Skorpion ist das das Wichtigste überhaupt.

 

Doch der Kreis hat Angst, dem Skorpion nicht genug bieten zu können, nicht stark und aufregend genug für ihn zu sein. Der Skorpion findet den Krebs gut so wie er ist, dennoch möchte der Krebs seine sichere Höhle nicht verlassen, um mit dem Skorpion in den tropischen Wald und ein neues Leben zu gehen. Er glaubt, dass der Skorpion ihn verlassen wird und er dann den Gefahren des Waldes schutzlos ausgeliefert ist. Der Krebs weiß, dass er dann nie mehr zu seiner Höhle findet und elendig krepiert. Aus Angst, den Skorpion zu verlieren und wieder verletzt zu werden, beginnt der Krebs sich zurückzuziehen. Er glaubt, der Skorpion wird niemals glücklich werden, wenn er bei ihm am langweiligen Strand bleibt, obwohl der Skorpion das Gegenteil beteuert.

 

Er versteckt sich in seiner Höhle und meidet den Skorpion. Er tut sich selbst weh und das tut auch ganz besonders dem Skorpion weh. Denn er will auch nur das Beste für den Krebs und ist davon überzeugt, dass er das ist. Und solange der Krebs ihn nicht wegschickt, denkt er nicht daran, wieder im Wald zu verschwinden und nur jemand zu sein, den der Krebs mal kannte. Der Skorpion weiß, dass er stur ist und andere in die Ecke drängen kann mit seinem Stachel, aber das möchte er beim Krebs nicht. Der Krebs soll von sich aus den Wald mit ihm erkunden wollen. Deshalb stürmt er auch nicht die Höhle des Krebses und stellt ihn zur Rede, was er denn jetzt will. Der Skorpion versucht geduldig zu sein und Vertrauen zu haben. Er streift am Strand entlang, vor den Höhlen der Krebse, wartet geduldig im Sand und fragt sich, ob der Krebs sich vor ihm im Meer versteckt. Die Tage vergehen, ohne dass etwas geschieht.

Die anderen Skorpione lachen ihn aus, wenn sie ihn wartend unter einem kleinen Felsen sehen und manchmal fragt auch er sich, ob das Ganze einen Sinn ergibt. Aber er weiß, dass das Timing des Universums niemals fehlerhaft ist. Er wird dem Krebs wieder begegnen, wenn es sein soll. Vielleicht ist Hoffnung das Wissen, dass es sich lohnt, unabhängig vom Ausgang. Und so hat der Skorpion nicht vor aufzugeben. Alles in allem kann er einfach nicht aus seiner Haut.

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Kommentare: 1
  • #1

    Chiara (Freitag, 10 Januar 2020 12:41)

    Eine tolle Idee, die super umgesetzt wurde!:)